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ich_kann_mir_die_musik_leisten_2006

"Ich kann mir die Musik leisten"

Stephan Remmler ist zurück. Seine Single vertreibt er aber nur übers Internet. Ein Gespräch über unterdrückte Männer, Dieter Thomas Heck und den Welterfolg von "Da Da Da"

Stephan Remmler, 59, ist braungebrannt und wirkt sehr entspannt, als er im Hamburger Hyatt-Hotel zum Gespräch empfängt. Der Gründer der Neue-Deutsche-Welle-Band Trio lebt heute auf Lanzarote und am Baseler Rheinufer - und trägt kurzrasierte Haare, einen weißen Leinenanzug und eine Brille. Offensichtlich will er es nach Welthit ("Da Da Da"), Solokarriere und zehn Jahren ohne Schallplattenveröffentlichung noch einmal wissen. Mit "Frauen sind böse", der ersten Single aus seinem für den Sommer angekündigten Comeback-Album "1, 2, 3, 4", geht Remmler nicht nur musikalisch neue Wege: Als Musik-Download ist die polarisierende, weil vordergründig frauenfeindliche Single nur im Internet, erhältlich z.B. bei www.aol.de.

Welt am Sonntag: Herr Remmler, "Da Da Da" lief in den USA gerade als Werbemusik für den VW Polo. Wie lange haben Sie davon leben können?

Stephan Remmler: Vor allem habe ich davon leben können, dass im Zuge der Werbung das Album in den USA wieder in die Charts ging. "Da Da Da" war 1982 auf der ganzen Welt Nummer eins - nur nicht in Japan und den USA. Ich denke mal, dass VW die Nummer auch aus diesem Grunde ausgewählt hatte: Der Song hatte eine gewisse Glaubwürdigkeit, weil er zwar jedem bekannt war - aber doch nie wirklich als Mainstream wahrgenommen wurde.

Begrüßen Sie es, wenn Ihre Musik als Werbemusik angefragt wird?

Remmler: Ja klar, da ist man froh, und das Geld ist auch gut. Da geht sowieso viel, auf der ganzen Welt. Andauernd haben wir irgendwelche Anfragen, ob das nun für Klimaanlagen in Thailand, VW in Amerika oder Spaghetti in Südkorea ist. Zur Weltmeisterschaft wird Pepsi-Cola mit "Da Da Da" werben. Weil das Lied in deren Augen für Deutschland steht.

Sie haben eine Menge Zeit ins Land gehen lassen zwischen Ihrem letzten Album und Ihrer neuen Single "Frauen sind böse". Was waren die Gründe, es abermals zu versuchen, Geld allein kann es ja nicht gewesen sein?

Stephan Remmler: Da gab es eine Veröffentlichungspause, das ist richtig. Aber ich habe in den Jahren unentwegt Musik gemacht. In der Hängematte werde ich immer nervös. Und zwischendurch habe ich die Platte meiner Söhne produziert. Die Nummer "Everybody Cha Cha" war ein Sommerhit.

Ihre aktuelle Single ist von Ihrem siebzehnjährigen Sohn Cecil produziert und trägt den Titel "Frauen sind böse". Ist das eine späte Antwort auf Grönemeyers "Männer"?

Remmler: Nö. "Frauen sind böse" ist vielmehr der Aufschrei von Milliarden unterdrückter Männer, die sich die Zeiten zurückwünschen, als die Frauen noch zwei Schritte hinterher gehen mussten.

In dem Lied heißt es: "Frauen sind böse / Wollen zerstören / Denken nicht logisch / Werden schnell alt / Wollen viel reden …"

Remmler: Wir waren ehrlich überrascht, dass der Humor in dem Lied von etlichen Radiostationen so nicht verstanden worden ist. Aus geschlechtspolitischen Gründen könne man "Frauen sind böse" tagsüber nicht spielen, heißt es immer wieder. Die Frauen allerdings, die ich kenne, fühlen sich nicht durch das Lied angegriffen. Ganz im Gegenteil. Die sagen: "Stephan, dein Lied ist super, genau so ist es."

Sie setzen noch einen drauf. Sie lassen Heinz Strunk vom Studio Braun mit verzerrter Stimme frauenfeindliche Dialoge sprechen: "Dein Essen schmeckt nicht, es ist mit Hass gekocht!"

Remmler: Ich halte die Studio-Braun-Hörspiele von Heinz Strunk für klasse und sehr intelligent. Als meine Söhne Cecil, Jonny und Lauro ihre Single veröffentlichten, wurden wir selbst zum Opfer seines Spotts: "Seine besseren Tage hinter sich habend, hetzt der Remmler seine Kinder als Kindersoldaten an die musikalische Front." Das fanden wir aber lustig.

Als Sie mit "Keine Sterne in Athen" und "Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei" Hits hatten, hieß es, Sie hätten sich in die Niederungen des Schlagers hinab begeben.

Remmler: Einfache Unterhaltung, die die Menschen auch in Eckkneipen zum Lachen oder zum Weinen bringt, habe ich schon immer gemocht. Ich finde übrigens, dass der erste "Sissy"-Film in diesem Sinne ein sehr guter Film ist.

Haben Sie selbst viel Zeit in bierseligen Kneipen verbracht?

Remmler: Ja klar, früher. Und auch noch zu Trio-Zeiten. Das waren abgedunkelte Kneipen, in denen gab es eine Jukebox, Bier, Schnaps und Currywurst. Ich mag solche Atmosphären - heute erlebe ich diese Orte allerdings nur noch auf Lanzarote, wo ich wohne. Da gibt es diese Bars, in denen sich sonntags die ganze Familie aufhält, die Männer spielen Karten, die Kinder laufen herum und den ganzen Tag läuft der Fernseher. Ich habe das gerne, ich finde das gemütlich. Ich frage mich im übrigen, ob es die Eckkneipe heute noch gibt, in der sich auch jüngere Menschen treffen. Als ich jung war, da haben wir uns immer in der Kneipe getroffen und sind dann losgezogen. Das ist heute glaube ich, genau wie die Musik, härter geworden.

Härter als was?

Remmler: Härter als Freddy Quinn zum Beispiel. Man braucht sich ja nur einmal diese Berliner Rapper anzuhören - die sind alle so aggressiv. Von daher gebe ich zu: Meine Erinnerung ist sicherlich auch eine nostalgische. Und meine Kompositionen leben von diesen Erinnerungen. Meine teuerste Erinnerung aber hängt nicht mit Kneipen zusammen: Das war Elvis Presleys Ankunft in Bremerhaven. Ich war einer der vielen, die ihm zugejubelt haben, ich war vielleicht acht Jahre alt. Seitdem stand außer Frage, dass ich eines Tages selbst Musiker werde.

Trio haben Sie dennoch erst mit 33 gegründet.

Remmler: Vor Trio gab es noch die Amateurband Just Us, und die Zeitungen haben mich damals in all ihrer Unschuld den "Mick Jagger von der Wesermarsch" genannt. Der Höhepunkt unserer bestimmt siebenjährigen Bandkarriere war ein zweiwöchiges Gastspiel im Hamburger Star-Club.

Das Debütalbum von Trio war 1981 eine revolutionäre, weil anarchistische Platte.

Remmler: Trotzdem liegt es mir fern, an alte Zeiten anknüpfen zu wollen. Ich glaube auch nicht, dass ich bewusst anarchistisch bin. Ich bin nur in der glücklichen Lage, dass ich mich stets dem hingeben kann, wozu ich gerade Lust habe. Ich kann mir meine Musik leisten. Das waren rückblickend manchmal genau die richtigen Entscheidungen - und oft auch die falschen. Denn ich weiß schließlich: Will man in der Popmusik Erfolg haben, muss man eine Eindeutigkeit an den Tag legen, denn Pop hat viel mit Identifikation zu tun. Eine Vielschichtigkeit ist einer Karriere nicht selten abträglich.

Mit Trio haben Sie Erwartungshaltungen geradezu ad absurdum geführt. Erinnern wir uns an die Hitparade mit Dieter-Thomas Heck …

Remmler: … gegen den ich kein böses Wort fallen lassen möchte. Heck ist immer ein sehr kollegialer Mensch gewesen, der uns immer mit Respekt begegnet ist.

Mit Trio waren Sie die erste Band, die in der Hitparade live gespielt hat. Ein anderes Mal ließen Sie "Da Da Da" ebendort als Vollplayback laufen - und Peter Behrens aß ein Wurstbrot statt zu trommeln.

Remmler: Das haben wir aber damals aus der Lebenssituation heraus entwickelt. Genauso, wie wir damals einfach unsere Telefonnummer und unsere Großenknetener Adresse auf unser Albumcover haben drucken lassen.

Peter Behrens hat öffentlich verkündet, dass er verarmt sei und eine Reunion von Trio anstrebt - dieser Plan soll an Ihnen gescheitert sein.

Remmler: Das höre ich immer wieder, aber ich weise es zurück. Im Gegenteil: Ich hätte gern eine Reunion von Trio gesehen. Aber ich sage auch: Es wäre gut gewesen, wenn es gut gewesen wäre. Der Eindruck, der sich bei mir im Vorfeld dann aber gebildet hatte, war der, dass es eben nicht gut geworden wäre. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.

Das Gespräch führte Max Dax

Artikel erschienen am 2. April 2006 in der Welt am Sonntag

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