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Ein Schiff wird kommen

Hat die Jugend des Jahres 1991 überhaupt noch einen Bezug zur glorreichen deutschen Schlagervergangenheit? Stephan Remmler bekennt sich jedenfalls zu den großen Gefühlen von anno dunnemals. ME/Sounds-Redakteur Andreas Kraatz hofft mit ihm auf ein Happy End.

Auf den ersten Blick sieht er aus wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Dieser Spargel-Tarzan, diese Kreuzung aus Peter Rubin und Bata Illic, entspricht wahrlich nicht dem gängigen Bild des Schlagerpropheten. Aber Stephan Remmler, 44 Jahre jung und gebürtiges Nordlicht aus der Nähe von Bremerhaven, der nun schon seit einigen Jahren seine Zelte in der beschaulichen Schweiz aufgeschlagen hat, ist keineswegs verdrießlicher Stimmung oder gar schlecht drauf. Wenn es so aussieht, als drücke er sich verknautscht in die Polster der Couch, dann liegt das einfach an seiner schlaksigen Haltung, die — all seinen anderslautenden verbalen Beteuerungen zum Trotz — stets nüchterne Distanz signalisiert. In seinem grauen Nadelstreifenanzug hängt und schlottert Remmler eher als daß er sitzt, und dabei macht er durchaus den Eindruck eines geschäftstüchtigen Software-Verkäufers. Ist so einer überhaupt zu großen Gefühlen fähig?

Immerhin behauptet Remmler, der sich seit seligen Trio-Zeiten als witziger Querulant in der Einöde bundesdeutscher Unterhaltung profiliert hat, er habe auf seinem aktuellen Album mit dem Titel AUF DER SUCHE NACH DEM SCHATZ DER VERLORENEN GEFÜHLE einen wahren Schatz heimischer Schlagerkultur gehoben — nämlich die großen Sentimentalitäten der 50er und 60er Jahre.

Der Schatz gehörte einst einem Freibeuter der leichten Muße, der sich Freddy Quinn nannte und mit Fernweh und Seemanns-Los als Stimmgabel deutschen Nachkriegsempfindens beachtliche Erfolge verbuchen konnte: Ausgerechnet bei Freddys sehnsuchtstriefenden Songs aus den Jahren von 1956 bis 1964 haben sich Stephan Remmler und seine Schatzsucher bedient — das sogenannte Projekt F wartet mit zwölf Cover-Versionen von Mighty Quinn auf. „Da werden sich bestimmt viele Leute erst einmal die Augen reiben und fragen: Was ist denn das? Kommt uns der Remmler, der sich doch immer so ironisch gab, jetzt tatsächlich absolut ernst und ohne jedes Augenzwinkern?" Und wie um den vermeintlichen Frevel zu bekräftigen, bestätigt der kühle Klare die allgemeine Verwirrung ob seiner schlagerstilistischen Kühnheit: „Als ich die Idee, ein ganzes Album mit Freddy-Songs aufzunehmen, erzählte, waren mein Manager und die Plattenfirma erst einmal platt. Sie mußten kräftig einen heben und das Ganze schöntrinken, bevor sie sich schließlich damit anfreunden konnten. Auf jeden Fall war's ein schwerer Schock für sie."

Der Schock ist ganz unsererseits. Denn wer den Stephan bisher lieber als ulkigen Volksbelustiger mit Bierzeltgeruch schätzte, der „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei" philosophierte. der wird schwer am Projekt F zu kauen haben. Aber Remmler macht seit Jahren sowieso, was er will. Ihm ist nun mal „jeder Trend scheißegal", und er läßt als alleiniges Kriterium für gute oder schlechte Musik die Frage gelten: „Ist es Plastik oder echtes Herzblut ?" Er betont: „Ich fühle mich keinem Zeitgeist verpflichtet und keiner Szene zugehörig. Und damit lebe ich bestens."

Über das Thema F wie Freddy stolperte er dennoch rein zufällig: Im Dezember 1988 fiel ihm in einem Kölner Plattenladen eine CD mit den GREA-TEST HITS des markigen Fernweh-Barden in die Hände. Das brachte den Stein ins Rollen. Man mag das reinen Zufall oder auch göttliche Vorsehung nennen — aber eine glücklichere Fügung ist kaum denkbar. Denn wahrscheinlich konnte nur jemand wie Remmler, einer, der weitab vom Schuß treudeutscher Rockseligkeit und fern der heiligen Troika aus Lindenberg, We-sternhagen und Grönemeyer werkelt, welchletzteren er nur noch „Seine Pünktliche Empörtheit"nennt, diese fixe Idee bekommen und in die Tat umsetzen, um so den Freddy in uns allen ans Licht zu zerren. „Schalt doch nur mal das Radio ein — in der heutigen Musik gibt's keine großen Gefühle mehr. Wenn überhaupt, dann findest du sie nur noch im Kino. Dabei sind diese Gefühle völlig zeillos und elementar. Wenn zum Beispiel eine Mutter ihrem Sohn schreibt: ,Bleib nicht so lange fort, ich habe Sehnsucht nach dir.' Oder wenn einer traurig ist, weil ihm sein bester Freund die Frau ausgespannt hat, dann hat das doch nichts mit Zeitgeist zu tun. Das ist höchstenszeitlos."

Während die Udo Westernmeyers dieser Republik ihren Fans gerne den sozialdemokratisch getönten Bctroffenheits-Spiegel vorhalten, beschäftigt sich Remmler lieber mit Freddys Seemannsgarn und einem Seesack voller Metaphern aus der Post-Schu-ricke- und Prä-Beatles-Ära: „Fährt ein weißes Schiff nach Hongkong", hat er Sehnsucht nach der Ferne, und während die Mutter fleht „Junge, komm bald wieder", bleiben ihm allemal zwei Dinge zum Trost — „Die Gitarre und das Meer".

Was hat sich Remmler dabei gedacht, als er dieses Schatzkästlein der Gefühlsduselei furchtlos öffnete? „Mich interessieren Begriffe wie Heimat oder Fernweh gar nicht so sehr", betont er. „Mir geht's grundsätzlich um die Gefühle, um die prickelnde Spannung, darum, daß man mit dem Helden leidet und sich mit ihm aufs Happy End freut — so wie in jedem Film mit John Wayne oder von Steven Spielberg." Damit sichert er sich zugleich gegen den möglichen Vorwurf ab, er belästige die Hörer nur mit musikhistorischen Kamellen. „Meine Interpretationen kommen von Herzen. Sie sind so persönlich gefärbt, daß man sie eben nicht zwangsläufig mit dem Wirtschaftswunder oder der Nachkriegszeit in Verbindung bringen muß. Und schließlich hat gute Unterhaltung doch immer das gleiche Ziel: Sie will Emotionen wecken."

Das mit den Emotionen hört sich zwar gut an — aber ist er da nicht auch ganz schön blauäugig? Glaubt er denn ernsthaft, daß die Computer-Kids der 90er Jahre ihre über alles geliebten New Kids On The Block oder die Pet Shop Boys sausen lassen, um sich von ihm ins „Zeitalter der verlorenen Gefühle" zurückversetzen zu lassen? Propagiert er eine neue Ära für Filme wie „Vom Winde verweht", „Sissi, Kaiserin von Österreich" oder „Die Brüder Karamasow"? Oder wendet er sich mit seinen Freddy-Songs an nostalgische Rentner, die in den 50er Jahren vom Duft der großen weiten Welt träumten? „Was ich auch mache — ich folge dabei immer nur meinem Bauch, meinen Geßhlen also. Ich mußte mir zum Glück noch nie von irgendwelchen populären Trends vorschreiben lassen, was ich zu tun habe. Ich bin mir aber durchaus bewußt, daß es Leute gibt, die sagen werden: Dieser Remmler gefällt ja auch meinen Eltern, damit ist er für mich gestorben."

Den Staub der allzu pathetischen Gefühlsduselei wollte er freilich allemal von den Originalen wischen, um sie so auch der Gegenwart anzupassen. Nur schade, daß die vielbeschworenen großen Gefühle dadurch jetzt durchweg auf musikalischer Sparflamme kochen, daß sie sozusagen aus dem Gefrierschrank kommen. Remmler spricht mehr als daß er singt, und die programmierten Computer-Keyboards wirken so karg, als habe er bewußt Strom sparen wollen. So viel kühle Distanz ist dem Keimen der großen Gefühle doch eher abträglich.

Immerhin muß man dem musikalischen Nonkonformisten zugute halten, daß er unbeirrt an seiner persönlichen Philosophie des aufrechten Gangs festhält. „Ich bin mit Elvis groß geworden. Doch mit Trio kam ich allmählich auf den Trichter, daß wir letztlich doch nur Klischees wiederkäuen würden, wenn wir immer nur den Rock 'n Roll-Idolen unserer Jugend musikalisch nacheiferten. Wir mußten unsere eigene Form finden. Damals schwebte uns mit Trio eine musikalische Mischung aus Led Zeppelin und den Doobie Brothers vor. Erst als wir unsere eigene Form suchten, beschäftigten wir uns mit der deutschen Musikkultur. Und das fiihrte zu mehr Originalität, was sich noch heute auswirkt. Vor kurzem wurden DeeeLite in einem Interview gefragt, woher sie ihre Samples nehmen. Da nannten sie unter anderem Kraftwerk und Trio."

Fragt sich nur, ob Remmlers Freddy-Trip jemals die gleiche Ehre widerfährt. Skepsis ist trotz aller Anerkennung also durchaus angebracht.

ein_schiff_wird_kommen_1992.txt · Zuletzt geändert: 2016/10/23 22:32 (Externe Bearbeitung)