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CD-Klassiker HISTORY

Los Angeles im Sommer 1997: Soeben angekommen, befolge ich den Rat eines Experten in Sachen „Die U.S.A. und ihre liebsten Sender" und stelle das Autoradio auf die Frequenz von KROQ. Das durchwegs auf Alternative Rock getrimmte Musikprogramm, so heißt es, sei nicht nur besonders empfehlenswert, sondern aufgrund der Tatsache, daß selbiges nicht durch Nachrichten, Werbung und andere akustische Farbstoffe gestreckt ist, zugleich äußerst sättigend. Nach kurzer Zeit dringen plötzlich vertraute Klänge, wenn auch wie aus einer fernen Vergangenheit, an mein Ohr: „Was ist los mit dir, mein Schatz? Geht es immer nur bergab? Du liebst mich nicht, ich lieb' dich nicht. Da Da Da…" Ein Traum? Nein, Trio - und deren erste Single von 1981. Ich sollte sie während meines Aufenthalts noch sehr oft und mehrmals täglich zu hören bekommen. Der Grund: Die Macher eines TV-Werbespots für die Automobilbranche hatten sich zur Untermalung desselben eben jenen Song ausgesucht, bescherten ihm so den Einzug in diverse U.S.-Charts, dem dazugehörigen Album - immerhin schon 16 Lenze zählend -die Erstveröffentlichung in den Staaten, und den Herren Remmler, Behrens und Krawin-kel einen unverhofften Geld-Regen.

Trios selbstbetiteltes Debüt-Album erschien zu einer Zeit, als man von der „Neuen Deutschen Welle" gerade mal ein leises Plätschern vernehmen konnte. Und zu einer Zeit, in der plötzlich alles möglich war. Dumpingpreise hinsichtlich der Produktion und das Wohlwollen der Plattenfirmen ermöglichten es auch der kleinsten Band, ihre Songs zu veröffentlichen. In der Folgezeit sollte noch so mancher Act, der eigentlich keiner war, auf den fahrenden Zug aufspringen und kleine und große Pop-Perlen auf den Markt bringen, die sich trotz mangelnder Qualitäten zu einem echten Wirtschaftsfaktor mauserten. Und dank der Rechenformel „Schlagertexte + tanzbare Rhythmen = Hit" die musikalische Welt des Dieter-Thomas Heck gehörig aus den Angeln hoben und seine TV-Hitparade zeitweise auf den Kopf stellten. Doch Trio waren anders, ein Fall für sich. Und das nicht nur, weil sie zu den NDW-Ahnen zählten. Denn sie führten einen Begriff in die Musikszene ein, der ohne die Behelfs-Band aus dem friesischen Großenkneten wohl heute noch nicht geboren wäre: Minimalmusik. Auf die wackeligen Beine gestellt wurde selbige durch ein ebenso minimales Instrumentarium: Ein rudimentäres Stand-Drumkit, von Peter Behrens zum Leben erweckt, eine Schrammelgitarre, der Kralle Krawinkel selten mehr als eine Handvoll Töne pro Song entlockte, und Stephan Remmlers Sprechgesang - wobei die Betonung zumeist auf der ersten Silbe lag. Dazu kam das kleinste aller klangerzeugenden Geräte aus dem Hause Casio, handlich wie ein Käse-Schin-ken-Baguette, das insbesondere der Single „Da Da Da" eine besondere Note verlieh. Unterm Strich erzeugten Trio freilich nicht mehr als musikalische Banalitäten. Diese präsentierten sich wie „Ja Ja Ja" (kein Fehler meinerseits, auch diesen Titel gab es) als staubtrockene Punk-Attacke, gerieten ein andermal zur Ballade, in der ein charmanthilfloser Stephan Remmler die verlorene Liebe einer gewissen „Sabine" mit einem Endlos-Telefonat zurückzugewinnen versucht, oder bewegten sich zwischen Gitarren-Rock für Anfänger und Billig-Melodien. Minimalmusik eben -aber hörenswert! Und das nicht zuletzt wegen der aberwitzigen und sprachlich mehr als direkten Texte, die sich mit Gefühlen, Zwischenmenschlichem und allerhand mehr beschäftigten. Klar, jeder hätte sie zu Papier bringen können. Doch wer außer Trio hätte sich schon mit literarischen Nichtigkeiten wie „Da Da Da", Ratschlägen wie „Los Paul, du mußt ihm voll in die Eier haun" und Aufforderungen wie „Anna, laß mich rein, laß mich raus" in ein Tonstudio gewagt? Niemand mit ernsthaften künstlerischen Absichten jedenfalls. Trio hatten keine - und waren genau deshalb so erfolgreich.

Freilich war das Band-Konzept „Frechheit siegt" auf Dauer zum Scheitern verurteilt. Zu viele Nachahmer und zu wenig neue Ideen bedeuteten für Trio 1985 das Aus. Im Alleingang blieb lediglich Stephan Remmler auf Erfolgskurs. Dank Singles wie „Keine Sterne in Athen" tauchte sein Name noch desöfteren in den Charts auf. Davon konnten die Herren Krawinkel und Behrens nur träumen. Der Gitarrist gab nach einem einmaligen Engagement in Westernhagens Tour-Band auf, Behrens trommelt auch heute noch. Wenn auch nur auf Jahrmärkten. Stefan Kirmair

cd_klassiker_history_1997.txt · Zuletzt geändert: 2016/10/23 22:32 (Externe Bearbeitung)